Chief AI Officer: Wer KI führt und wie Wirkung entsteht
Mehrere Studien aus dem ersten Halbjahr 2026 befassen sich mit der Rolle des Chief AI Officer (CAIO). Sie messen Unterschiedliches, bei unterschiedlichen Befragten. Für das eigene Unternehmen zählt zuerst eine Führungsfrage: Wer entscheidet über Prioritäten, Budget und Stopp? Dieser Beitrag beginnt deshalb bei den Befugnissen. Danach ordnet er ein, was jede Zahl zählt.
Vier Befugnisse, die vor dem Titel zu klären sind
Meine Einschätzung: Ob die Verantwortung bei einem CAIO, beim CEO oder bei einem Mitglied der Geschäftsleitung liegt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, ob vier Befugnisse schriftlich geklärt sind.
- Prioritäten. Wer legt fest, welche zwei oder drei KI-Vorhaben zuerst kommen und welche warten?
- Budget. Wer gibt Mittel frei, und aus welchem Budget: aus der IT, aus dem Fachbereich oder zentral?
- Daten und Systeme. Wer entscheidet, welche Daten in welches Werkzeug dürfen und wer Zugang zu den Kernsystemen erhält?
- Stopp. Wer beendet ein Vorhaben, das seine vorab festgelegte Messgrösse bis zum vereinbarten Datum nicht erreicht?
Eine Rolle ohne diese Befugnisse koordiniert. Koordination ist nützlich. Sie ersetzt keine Führungsentscheide.
Die Wirkung entsteht in der Linie. In der weiter unten beschriebenen IBM-Befragung sagen 83 Prozent der CEOs, der Erfolg von KI hänge stärker von der Akzeptanz durch die Menschen ab als von der Technologie. Das ist eine Einschätzung, keine Messung. Ich teile sie. Die Produktionsleitung beurteilt, was KI in Planung und Qualität leisten kann. Die Verkaufsleitung erkennt, welche Kundenprozesse schneller werden. Der CFO prüft, ob gewonnene Zeit in einen messbaren Prozess fliesst. Diese Arbeit lässt sich an keine Stabsstelle auslagern, mit oder ohne Titel.
Einordnung für ein KMU
In einem Unternehmen mit 100 oder 300 Mitarbeitenden lassen sich die vier Befugnisse nach meiner Einschätzung in der bestehenden Geschäftsleitung regeln. Eine eigene Rolle ist zu prüfen, wenn KI Teil des eigenen Produkts wird, wenn sensible Kunden- oder Personendaten betroffen sind oder wenn mehrere Bereiche dauerhaft um dieselben Daten und Fachleute konkurrieren. Drei Schritte empfehle ich unabhängig davon.
Erstens eine Standortbestimmung. Ein vorbereiteter halber Tag mit der Geschäftsleitung und einigen Schlüsselpersonen. Wo wird KI heute eingesetzt, soweit bekannt? Was zeigt Wirkung, was bindet Zeit? Das Ergebnis ist eine erste Entscheidungsgrundlage. Ein vollständiges Inventar, ein Rechtsgutachten oder ein Sicherheits-Audit ist es nicht.
Zweitens zwei oder drei priorisierte Vorhaben. Jedes mit einer verantwortlichen Person, einer Messgrösse und einem Datum. Dazu gehört eine Stopp-Liste: Vorhaben, die ihre Messgrösse bis zum vereinbarten Datum nicht erreichen, werden beendet oder neu begründet. Das Vorgehen beschreibt der Beitrag KI im Unternehmen: Prioritäten, Verantwortung und Wirkung.
Drittens ein fester Rhythmus. Quartalsweise ein Traktandum in der Geschäftsleitung: Welches Vorhaben liefert, welches stagniert, welches wird gestoppt? Dazwischen Stichproben in der Linie: Was nutzt das Team konkret, wo bleibt es liegen? Ab einer Investitionsschwelle, die Ihre Kompetenzordnung festlegt, empfehle ich eine Zweitmeinung von ausserhalb der eigenen IT und ausserhalb des Anbieters.
Zur Rollenteilung empfehle ich: Der Verwaltungsrat setzt wesentliche Leitplanken, etwa Risikobereitschaft, Grundsätze zum Umgang mit Daten und die Frage, wer in der Geschäftsleitung die Verantwortung trägt. Einzelne Werkzeuge und Arbeitsabläufe genehmigt er nicht. Kommt im Verwaltungsrat der Wunsch nach einem Chief AI Officer auf, kann die Geschäftsleitung mit den vier Befugnissen, den priorisierten Vorhaben und der Stopp-Liste antworten. Danach lässt sich sachlich entscheiden, ob eine zusätzliche Rolle eine Lücke schliesst.
Was die verfügbaren Studien zur Rolle tatsächlich messen, zeigen die folgenden Abschnitte.
Was die IBM-Studie misst
Das IBM Institute for Business Value hat für die Studie «CEOs are Reshaping C-Suite Roles for the AI Era» zusammen mit Oxford Economics von Februar bis April 2026 rund 2'000 CEOs und vergleichbare Führungskräfte in 33 Ländern und Regionen und 21 Branchen befragt. Die Medienmitteilung vom 4. Mai 2026 macht keine Angaben zur Grösse der befragten Unternehmen. Befragt wurden ausschliesslich CEOs, keine Mitarbeitenden.
Zwei Werte aus dieser Studie verdienen eine genaue Lektüre.
- 76 Prozent der befragten Organisationen haben 2026 einen Chief AI Officer. Für 2025 nennt IBM einen Vergleichswert von 26 Prozent.
- Die befragten CEOs schätzen, dass 25 Prozent ihrer Belegschaft KI regelmässig bei der Arbeit nutzen. 86 Prozent dieser CEOs glauben, dass ihre Mitarbeitenden die nötigen Fähigkeiten für die Zusammenarbeit mit KI haben.
Der erste Wert zählt Organisationen. Der zweite ist eine Schätzung von CEOs über ihre eigene Belegschaft. Das sind zwei Messgrössen mit verschiedenen Nennern. Eine Aussage wie «die Rolle ist da, die Nutzung fehlt» lässt sich daraus nicht rechnen. Die Studie ist eine Momentaufnahme. Sie zeigt weder, dass die Rolle wirkt, noch dass sie wirkungslos bleibt. Ob der Vergleichswert von 2025 auf derselben Stichprobe beruht, geht aus der Medienmitteilung nicht hervor.
Die Schweizer Werte: 40 Befragte
Die deutschsprachige Medienmitteilung von IBM vom 12. Mai 2026 weist Länderwerte aus. Unter den Befragten waren 100 CEOs aus Deutschland und 40 aus der Schweiz.
- Chief AI Officer vorhanden: Schweiz 65 Prozent, Deutschland 76 Prozent, global 76 Prozent.
- Bereit, wichtige strategische Entscheidungen auf KI-generierte Erkenntnisse zu stützen: Schweiz 70 Prozent, Deutschland 54 Prozent, global 64 Prozent.
- Belegschaft verfügt nach Einschätzung der CEOs über die nötigen Kompetenzen: Schweiz 93 Prozent, Deutschland 83 Prozent, global 86 Prozent.
Bei 40 Befragten entspricht eine einzelne Antwort 2.5 Prozentpunkten. Unterschiede von wenigen Punkten sind deshalb wenig belastbar. Die Mitteilung nennt weder Grösse noch Branche der Schweizer Unternehmen. Ich leite daraus keine Aussage über Schweizer KMU ab.
Für KMU gibt es eine andere Quelle, und sie misst etwas anderes. Für die AXA KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 hat das Institut Sotomo vom 3. bis 10. März 2025 insgesamt 300 KMU in der Deutsch- und Westschweiz befragt. 34 Prozent setzen KI gezielt ein (2024: 22 Prozent). 37 Prozent erproben sie, 29 Prozent nutzen keine KI. Die Studie fragt nach der Nutzung. Rollen erhebt sie nicht. Eine Erhebung zur Verbreitung von CAIO-Rollen in Schweizer KMU habe ich nicht gefunden.
Wer die KI-Agenda führt: CEO, Verwaltungsrat, CAIO
Die Boston Consulting Group hat für «Split Decisions» (publiziert am 4. Mai 2026) 351 CEOs und 274 Verwaltungsratsmitglieder befragt. Die Unternehmen erzielen mindestens 100 Millionen US-Dollar Jahresumsatz. 44 Prozent der Befragten sitzen in den USA, 76 Prozent vertreten private Unternehmen.
- Rund 60 Prozent der CEOs finden, ihr Verwaltungsrat sei beim Tempo der KI-Transformation zu ungeduldig.
- Weniger als 10 Prozent in beiden Gruppen finden, ein Chief AI Officer solle die KI-Strategie führen.
- 47 Prozent der CEOs geben an, die KI-Umsetzung selbst zu leiten. Von den Verwaltungsratsmitgliedern bestätigen 39 Prozent, dass der CEO sie leitet.
Ein weiterer Blick kommt aus dem 2026 AI & Data Leadership Executive Benchmark Survey von Randy Bean, mit einem Vorwort von Thomas H. Davenport und Randy Bean. Teilgenommen haben auf Einladung Daten- und KI-Verantwortliche von knapp 110 Unternehmen, vor allem Fortune-1000-Firmen und grosse globale Marken. 38.5 Prozent dieser Unternehmen haben einen CAIO oder eine gleichwertige Rolle benannt (Vorjahr 33.1 Prozent). Wohin die Rolle rapportiert, ist uneinheitlich: 33.9 Prozent an die Technologieleitung, 30.4 Prozent an den Chief Data Officer, 26.8 Prozent an Geschäftsverantwortliche, 8.9 Prozent an die Transformationsleitung. Davenport und Bean schreiben im Vorwort, sie seien nicht sicher, ob dieser fehlende Konsens gut sei. Die Unklarheit über die Verantwortung für KI trage möglicherweise zur verbreiteten Wahrnehmung bei, KI liefere zu wenig Wert. Das ist eine Vermutung der Autoren, kein gemessener Zusammenhang.
IBM kommt auf 76 Prozent, die Benchmark-Umfrage auf 38.5 Prozent. Beide Werte stimmen für ihre jeweilige Grundgesamtheit und Fragestellung. Wie verbreitet die Rolle ist, hängt davon ab, wen man fragt und wie die Rolle definiert wird. Keine der drei internationalen Erhebungen weist Schweizer KMU gesondert aus. Für ein Schweizer KMU belegen sie deshalb nichts. Sie liefern aber brauchbare Fragen.
Fazit
Die verfügbaren Zahlen zur CAIO-Rolle stammen aus internationalen Befragungen und fallen je nach Stichprobe sehr unterschiedlich aus. Einen Wirkungsnachweis für oder gegen die Rolle liefern sie nicht.
Für die Geschäftsleitung eines KMU zählt, ob Prioritäten, Budget, Datenzugang und Stopp-Entscheid eine namentliche Zuständigkeit haben. Ist das geklärt, wird die Titelfrage einfach.
Handlungsfrage für die Geschäftsleitung: Welche der vier Befugnisse hat in Ihrem Unternehmen heute eine namentliche Zuständigkeit, und welche nicht?
Quellen
- IBM Institute for Business Value mit Oxford Economics: «CEOs are Reshaping C-Suite Roles for the AI Era», Medienmitteilung vom 4. Mai 2026 (2'000 CEOs, 33 Länder und Regionen, Februar bis April 2026)
- IBM Newsroom DACH: «IBM Studie: CEOs gestalten C-Suite-Rollen für KI-Zeitalter neu», 12. Mai 2026 (Länderwerte: 100 CEOs Deutschland, 40 CEOs Schweiz)
- Boston Consulting Group: «Split Decisions: CEOs and Boards Are Aligned on AI in Theory, but Divided in Practice», 4. Mai 2026 (351 CEOs, 274 Verwaltungsratsmitglieder, Unternehmen ab USD 100 Mio. Umsatz)
- Data & AI Leadership Exchange (Randy Bean, Vorwort Thomas H. Davenport und Randy Bean): «2026 AI & Data Leadership Executive Benchmark Survey», 2026 (knapp 110 Unternehmen, vor allem Fortune 1000)
- AXA Schweiz und Sotomo: «KMU-Arbeitsmarktstudie 2025: Künstliche Intelligenz», Medienmitteilung vom 8. Oktober 2025 (300 KMU, Deutsch- und Westschweiz, März 2025)
Verwaltungsrat und operative Führung für Schweizer KMU. Über 25 Jahre Cablecom, UPC und Sunrise, davon mehr als 20 Jahre in der Geschäftsleitung. Verwaltungsratserfahrung seit 1998. Seit 2023 praktische KI-Anwendung in eigenen Projekten.